Plötzlich sind neue Utopien da!

„Was halten Sie von der Idee, dass Veränderung in Keimzellen anfangen muss, deren Wissen dann in die Gesellschaft hinein diffundiert? Das beruht auf dem Irrglauben, dass Wissen die Welt verändert. Tut es aber leider nicht. Das ist keine Wissensfrage, sondern eine Frage von kultureller Praxis. Von Angeboten, die attraktiv sind für Leute, sich da einzuschreiben.“ Harald Welzer, Wen interessiert denn der rechte Rand?

In den vergangenen zwei, drei Jahren ist hier vor Ort wie andernorts in der Welt einiges passiert… Zum Beispiel, dass schon kurz nach den außergewöhnlichen Flüchtlings-Willkommens-Ausnahmezustand 2015 (wo auch schon viel los war hier) unsere Stadt – ja sogar unser Viertel – dann wieder im Sommer 2017  für den längst berühmt-berüchtigten G20-Gipfel vom damals amtierenden Bürgermeister Olaf Scholz bewusst zum Austragungsort einer Generalprobe des künftigen Bürgerkriegs gewählt wurde. Ein Wunder nur, dass die zarte KEIMZELLE während dieser Tage von den inzwischen detailliert dokumentierten Ereignissen in ihrer unmittelbaren Umgebung verschont blieb. (Siehe: Das war der Gipfel: Die Proteste gegen G20 in Hamburg, Assoziation A 2018)

Die Keimzelle St. Pauli während des G20-Gipfels im Sommer 2017: Die Ruhe im Sturm.

Rechter Rand – uninteressant?
Damit nicht genug. „Plötzlich“ tauchen wieder reaktionäre Geister vom rechten Rand auf. Das erschreckende und auch – was unbedingt nachdenklich machen muss – das unerwartete Erstarken rechtsextremer, fremdenfeindlicher, antidemokratischer, egoistischer, völkischer, regressiver Bewegungen wirkt sich zwar nicht – noch nicht – direkt im urbanen Umfeld der KEIMZELLE aus. Ziemlich sicher deswegen, weil sie tief in St. Paulis Subkultur verwurzelt ist und zweifelsohne als robustes Gewächs der dortigen Protestkultur vor rechten Anfeindungen gut geschützt ist! (Dass das soziale Klima rauer wird, merken wir vor Ort aber durchaus.)

Linker Diskurs – interessanter?
Auf alle Fälle scheint eine kritische Selbstreflexion der transformativen Kräfte, die in der KEIMZELLE wirken und dort Gestalt annehmen, und speziell deren gesellschaftspolitische Verortung im irgendwie »linken« Diskurs immer wieder notwendig. Dann mal los, wenigstens einige Gedankengänge.

Fangen wir mit der folgenden Feststellung an. Es gilt einige (kritische) Erfahrungen aus unserer Praxis zu verarbeiten, die schon bei anderen Gelegenheiten – den Bemerkungen zur „postinterventionistischen Wirksamkeit“ der KEIMZELLE und zur notwendigen „Permanenz ihrer Protestkultur“ – zur Sprache kamen: Wir ziehen aus diesen wichtigen Erfahrungen den geheimnisvollen und scheinbar paradoxen Schluss, dass das Ende der Utopie nur deren eutopischer Neustart sein kann. Oder anders gesagt: Wir machen weiter, basta!

Folglich brauchen wir an dieser Stelle nicht die beliebte Frage, was die KEIMZELLE – ihre Philosophie ebenso wie ihre Praxis – tatsächlich ist, ein weiteres Mal vertiefen. Nur soviel: Sie ist entgegen einer verbreiteten Denkweise und des ersten Anscheins etwas mehr als bloß ein schöner Nachbarschaftsgarten inmitten des bekannten Karoviertels von Hamburg. Angesichts des aktuellen Verlaufs der Dinge kann man diesen Ort als einen empirischen Indikator für gesellschaftlichen Wandel nehmen, um zu verstehen, wie brauchbar die Visionen und Zukunftsbilder einer besseren Welt sind, die in jüngster Zeit die Runde machen. Welche? Wie, was neue Utopien? Wo kommen die plötzlich her?

Neue Utopie-Konstrukte aus dem Nirgendwo
Wir denken da, allen anderen voran, beispielsweise „Alles könnte ganz anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ von Harald Welzer (S. Fischer, 2019) und „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für eine digitale Gesellschaft“ von Richard David Precht (Goldmann, 2018). Denn ist es nicht unbedingt bemerkenswert, dass von prominenten Buchautoren und seitens einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommenen Theoretikern wie Precht und Welzer plötzlich fix und fertig ausgearbeitete Utopie-Konstruktionen vorgelegt worden sind?

Nach dem historischen Scheitern der kommunistischen Utopie oder des Sozialismus wurde vielfach das Fehlen einer neuen Zukunftsvision beklagt. Das wahre Problem sei doch, wie der Historiker Rutger Bregman in seinem Bestseller Utopien für Realisten (Rowohlt, 2019) schreibt, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können als eine katastrophale Zukunft, die alles nur noch schlechter macht. Wir brauchen, so der Historiker und viele andere Utopisten, wieder eine Große Erzählungen, um uns aus dem lähmenden Bann der neoliberalen Dystopie befreien zu können.
So weit, so gut. Doch schöne Worte alleine reichen nicht; es braucht reale, eutopische Taten.

KEIMZELLEN-Test
Bestehen diese Erzählungen von einer besseren Welt und vom guten Leben für alle den KEIMZELLEN-Test? Die praktische Brauchbarkeit, sprich der „utopische Realismus“ (Welzer) der vorgelegten Masterpläne lässt sich sehr präzise darin messen, ob und, falls ja, wie dort über die KEIMZELLE oder wenigstens über verwandte Aktivitäten des gesellschaftlichen Wandels gedacht wird. – Wie denn? Unser Garten sei nicht das Maß aller Dinge und nicht jeder, der der Menschheit rettende Wege in ein zukünftiges Utopia weist, müsse dieses kleine Gärtchen erwähnen?

Na ja, es spricht nichts dagegen und es gibt explizit schon solche theoretischen Bezugnahmen und Auseinandersetzungen zur Utopie der KEIMZELLE: Darüber hinaus kann an eine ganze Menge von wissenschaftlichen und gesellschaftstheoretischen Reflexionen zur utopischen Dimension des Urban Gardening angeknüpft werden (die einen programmatischen Bezug auch zur KEIMZELLE möglich machen). Sicherlich gehört hier die „Degrowth“-Philosophie mit ihrem „Subsistenz“-Ideal her (was die gemeinsame Produktion von Nahrungsmitteln beinhaltet) und sollte (was nicht der Fall ist) in jeder neuen Utopie systematische Berücksichtigung finden.

Die Keimzelle St. Pauli Juni 2019Pilze sammeln? 
Was also schreiben visionäre Gesellschaftstheoretiker über unsere KEIMZELLE? Fangen wir mit dem größeren Namen an. Mit Jäger, Sammler, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft entwirft der viel wahrgenommene Richard David Precht seine Vision einer „humanen Zukunft“. Man darf gespannt sein! Und wie sieht sie aus, diese ideale Gesellschaft eines „guten Lebens für alle“? Precht beschäftigt sich intensiv mit Google, Apple und anderen Silicon Valley Giganten, mit Datenschutz, bedingungslosem Grundeinkommen, weniger Arbeit für alle, selbstverständlich mit dem moralischen Skandal und der (wenig konkreten) Bewältigung des Welthungers. Allemal geht es bei ihm um die Abschaffung des Kapitalismus. Damit spricht Precht viel utopischen Common Sense aus. Eher beiläufiger als mit systematischem Interesse erwähnt er außerdem, dass „man sich nicht zu schade sein sollte“ für wertvolle und selbstzweckliche Tätigkeiten wie Kochen, Gärtnern oder fürs Sammeln. Ob damit wiederum das Sammeln von Früchten und Pilzen und anderen unbekannten Genüssen gemeint ist oder vielleicht auch das Aufsammeln von Müll und Recyclebarem, wird nicht erzählt. Immerhin taucht diese transformative Praxis im programmatischen Titel dieser Utopie auf.

Immerhin der Visionär Precht macht sich klar, dass die Zauberwörter der Zukunft „Selbstorganisation“ und „Selbstermächtigung“ heißen und dass man „seine Lebenswelt aktiv gestalten“ (155) soll. Doch die KEIMZELLE scheint er nicht zu kennen. Zeigt sich in diesem verzeihlichen Unwissen womöglich eine schwerwiegende Ignoranz, die über solche Kleinstinitiativen und scheinbaren Gartenzwerge des Weltgeschehens einfach hinwegsieht, weil sie „nicht mächtig genug“, klein und unbedeutend, sind? Diese verbreitete Wahrnehmung oder eben Ignoranz hat weitreichendere Folgen, als man annehmen mag: Denn die Utopie einer humanen Gesellschaft, die für Precht offenbar gleichbedeutend ist mit der digitalen Gesellschaft, hilft keiner einzigen Keimzelle der Erde. Nichts, was mit unseren Aktivitäten in Beziehung steht, kommt darin vor. Das sollte allerdings schon der Fall sein, und auch nicht als Nebensache. Denn was ist von einem neuen, linksliberal ausgerichteten Utopia zu halten, wenn darin ganz (mit-) entscheidende Kräfte der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer besseren Welt gar nicht zur Sprache kommen und deren substanzielle Wichtigkeit noch nicht einmal ansatzweise (bei Welzer, wie wir gleich sehen werden) erkannt werden?

Einige Zutaten von Prechts Rezept für mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Freiheit „eines guten und vielleicht sogar besseren Lebens“ (260) sind aktuell sicher populär (etwa ein menschenwürdiges Grundeinkommen, mehr Datenschutz, eine am Gemeinwohl orientierte Ökonomie) und teilweise schon altbekannt (weniger Arbeit und mehr Zeit für höhere geistige Tätigkeiten, Freunde, politisches Engagement). Wieso ruft diese Utopie keine allgemeine Euphorie aus? Belegt der ausbleibende Erfolg seines Masterplans eventuell, dass die Zukunft einer bloß „digitalen Gesellschaft“ kein wirklich erstrebenswertes „gutes Leben für alle“ verspricht? Jedenfalls kann man schon sagen, dass der erfolgsverwöhnte Autor mit seinem Unternehmen, „ ein Bild einer guten Zukunft zu malen“ (11), keine revolutionären Kräfte entfesselt.

Von den Fesseln befreien und möglichst Viele erreichen und deren revolutionäres Mittun in Gang setzen, will die andere Utopie. Der ebenfalls recht erfolgreiche und öffentlich wahrgenommene Gesellschaftstheoretiker Harald Welzer lässt uns wissen, dass „alles anders sein könnte“. So der irgendwie altlinks klingende Alles-ist-Falsch-Populismus, der Mut machen wollende Werbeslogan zu seiner „Gesellschaftsutopie für freie Menschen“. Natürlich ruft ein solcher mutwillige Radikalismus schnell mal Interesse hervor, wahrscheinlich aber noch mehr Widerspruch. Einfach, weil er nicht überzeugt: Kann und sollte wirklich alles anders sein? Ohnehin argumentiert Welzer selber weit überzeugender, dass gar nicht alles anders sein würde. Im Gegenteil: Das Meiste, was es braucht für ein besseres Leben, stehe uns bereits zur Verfügung, läge schon in unserer Macht. „Es ist alles schon da, nur falsch zusammengesetzt“, so lautet der 3. Merksatz seiner Wunschvorstellung.

Wir müssen nur anfangen
Realistischer ist seine eutopische Erkenntnis: „Wir müssen nicht von vorn anfangen. Wir müssen nur anfangen.“ (78) Für Welzer heißt das merkwürdigerweise: Er fängt an mit Lego zu spielen. 17 kunterbunt zusammengestellte Lego-Bausteine werden beschrieben. Diese Spielerei, die er als „das Weiterbauen am zivilisatorischen Projektes der Moderne“ bezeichnet, ähnelt in Vielen der Prechtschen Wunschtüte. Statt konsequent dessen durchaus mehrheitsfähige Utopie zu diskutieren und besser zu systematisieren, statt einfach die bereits zusammengebauten „Mosaiksteine“ (Precht, 98) weiter zu verbessern, macht Welzer sich immerhin klar, dass eine humane Gesellschaft auch von der revolutionären Praxis des urbanen Gärtnerns leben muss.

Für uns KEIMZELLE-Aktiven ist es darum interessant – und wirklich ganz anders als in Prechts Wunschwelt –, dass Welzer explizit das „Urban Gardening“ als eines seiner Bilder einer besseren Zukunft behandelt. In der weltweiten Existenz solcher Aktivitäten sieht er einen weiteren Beleg dafür, dass die von ihm entworfene Utopie einer neuen Gesellschaft weder reines Wunschdenken noch eine private Tagträumerei sei. – Schauen wir, was das genau heißt.

Keimzellen – bloße Ideen oder kulturelle Praxis?
Ohne inhaltliche und sachlich angemessene Auseinandersetzung machen wenige Zeilen die weitreichende Feststellung: „Die Idee, dass man städtische Brachen zum Anbau von Nahrungsmitteln nutzen und damit zugleich neue Gemeinschaften bilden kann, ist so einfach und bestehend, dass sie sich in kürzester Zeit über den ganzen Planeten verbreitet hat.“ (243)

Keine Frage, spätestens an diesem Punkt wird es ernst! Denn wenn wir die KEIMZELLE und die reale Existenz ähnlicher Praxen als maßgeblichen empirischen Indiz dafür nehmen, dass sich die Utopie in kürzester Zeit über den ganzen Planeten verbreitet, dann basiert Welzers Vision des guten Lebens auf viel Fantasterei und Wunschdenken.

Werter Mitstreiter, lass Dir von einem, der die utopische Realität dieser „Idee“ aus eigenen Erfahrung und langjähriger philosophischer Beschäftigung kennt, sagen: Ja sicher, die Urban Gardening Bewegung ist überall auf dem Planeten aktiv. Doch die Idee, dass sich diese wichtigen utopischen Kräfte in kürzester Zeit allerorts in praxi verbreiten (oder, im Futur Zwei gesprochen, verbreitet haben werden), entbehrt jedes utopischen Realismus.

Oder um alles anders zu sagen: Wir können und sollten die Keimzelle als den weitreichenden Indiz, als reality check, dafür nehmen, dass sich utopische Praxis und Bewegungen einer besseren Welt seit einiger Zeit (und ich belasse es ganz bewusst bei dieser ungenauen Formulierung, die eine sehr lange Geschichte hat) gerade und entgegen aller fortschrittsgläubigen, entwicklungstheoretischen Erwartungen NICHT VERBREITEN. Während sich an emanzipatorischem Fortschritt und trotz der globalen Zielsetzung einer Nachhaltigen Entwicklung der Menschheit wenig tut, erlebt die ganze Welt eine dramatisch rasante Rechtsdrift. Vermutlich hat dieser Dehumanisierungsprozess mit Überforderungen, Freiheitsängsten und mit dem wachsenden Stress zu tun, wodurch, so Welzer, der den rechten Wand mit gesellschaftlichem Desinteresse strafen will, „die Wahrscheinlichkeit des Rückgriffs auf radikale Lösungen steigt“ (35). Jedenfalls erscheint es zur allgemeinen Entwirklichung beizutragen, wenn links gedachte Weltverbesserungstheorien an der Realität vorbei utopisieren.

Utopischer Realismus: Es tut sich wenig
Die KEIMZELLE ist ein unverhoffter Beweis für den utopischen Realismus, dass sich realiter wenig tut. Nicht gar nichts, nur längst nicht so viel, wie notwendig wäre, um aus der Welt einen überwiegend guten Ort und aus dem täglichen Leben aller Menschen ein meistenteils gutes Leben zu machen.

Doch was folgt aus dieser Erfahrung? Keineswegs, dass sich die Utopie einer besseren Gesellschaft realisieren lässt auch ohne, dass Aktivitäten und Orte wie der KEIMZELLE an jeder Ecke in jedem Stadtteil in jeder Stadt in allen Ländern der Erde zustande kommen. Die enttäuschende Tatsache, dass das Urban Gardening in den vergangenen Jahren entgegen aller utopischen Hoffnungen sich kaum (und nur in den Medien kurzfristig) verbreitet hat, besagt schlicht:

Die KEIMZELLE ist, was sie ist.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Keimzelle St. Pauli Juni 2019Sie ist ein Guter Ort, weil sich in ihrer Praxis die gesellschaftliche Realität „eines guten Lebens für alle“ – als Eutopie – erdet. Um mit dem wichtigen Stichwort der Erdung (Bruno Latour, Das terristische Manifest, 2018) und der Reterritorialisierung (Deleuze/Guattari, Was ist Philosophie?, 1996) nur beiläufig hier einen tragenden Baustein in das Fundament jeder neuen Utopie einzubauen. In der spezifischen Gestalt des gemeinsamen Gartenbaus reterritorialisiert sich das Gemeinwohl – im wahrsten Sinne des Wortes Terra – im Boden der Erde. Bodenarbeit, das Gärtnern als Synonym für bäuerliche Landbearbeitung und biologische Nahrungsproduktion, ist keine Manifestation eines allgemeinen Trends der gesellschaftlichen Verbesserung. Diese transformativen Kräfte werden, paralleluniversell zum aussterbenden Bauerntum weltweit, dauerhaft von wenigen Aktiven des Urban Gardening gepflegt.

In leichter Abwandlung lässt sich also von der KEIMZELLE sagen, was Hanno Rauterberg (Die Kunst und das gute Leben, 2017) allgemein über die Stadt, die ihren Bewohnern gehört, so schön in typischem Stadtplanjargon schreibt: „Sie wird zum Labor für alle, die nicht länger an große Utopien glauben, dafür aber daran, dass sich die Gegenwart zum Besseren verändern lässt.“ (12)

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